
Das ich ausgerechnet nach solch einem Unglück wieder dazu komme, mein Blog zu aktivieren, hätte ich so auch nicht gedacht. Doch als langjähriger Besucher der Loveparade in Berlin lassen mich die Bilder nicht los bzw. machen mich Aussagen der vermeintlich Verantwortlichen zunehmend wütend.
Lang, lang ist es her, als ich noch Mitglied der „Family“ war. Damals aber exzessiv. Seit der zweiten Loveparade im Jahr 1990 war ich jedes Jahr in Berlin, um dort die Loveparade zu feiern. Das ging bis zum Jahr 2000 so, doch dann war das Konzept der Loveparade nicht mehr wirklich mein Ding. Das ging allerdings schon früher los, als die Wagen immer kommerzieller wurden. Plötzlich tummelten sich doch Wagen von irgendwelchen Fernsehsendern bzw. -sendungen wie Big Brother oder irgendwelchen Soaps. Dabei fing alles wirklich mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ an. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie man sich mit Freunden und Bekannten traf, am Ku-Damm auf der Wiese saß und wartete, bis es endlich los ging. Wenn dann der erste Wagen auf den Ku-Damm einbog und die Musik startete bekam man eine Gänsehaut und dann wurde friedlich gefeiert. Die ganze Parade über gab es keinen großen Stress und ich glaube auch nicht, dass fast alle dort auf Drogen waren. Ich persönlich habe nie Ecstasy o.ä. Gebraucht um eine geile Party zu feiern, und das war sicher nicht nur bei mir so. Ok, natürlich gab es genug, die sich was eingeworfen haben, aber es immer so darzustellen, als wenn alle nur zugedröhnt waren entspricht zumindest nicht meinen Erfahrungen.
Leider mischten sich im Laufe der Jahre mit steigenden Besucherzahlen auch jede Menge Trittbrettfahrer unter die Besucher. Es war halt geil, wenn man auch mal bei einer Loveparade war. Doch bereits da zeigte sich, wer sich auskannte bzw. wer eben nicht. Nicht umsonst wurden Songs wie „Over The Rainbow“ von Marusha oder „Tears Don’t Lie“ von Mark Oh abwertend als „Kirmestechno“ bezeichnet. Unvergessen beispielsweise Marc Spoon auf der Loveparade, der immer wieder brüllte „Warum seit ihr so Scheiße leise?“ Im Jahr 1995 dann dachte ich erstmals, dass die Stimmung kippt. In diesem Jahr war es am Ku-Damm so voll, dass sich die Massen sogar in die Seitenstraßen stauten. Da wurde das Gedränge schon unangenehm. Doch auch dort ist nichts schwerwiegendes passiert. Im Jahr darauf fand die Loveparade dann auf der neuen Strecke durch den Tiergarten statt. Hier gab es haufenweise Flächen und vor allem, man wurde nicht eingezäunt wie jetzt in Duisburg.
Im Jahr 2001 war dann meine letzte Loveparade in Berlin, denn zu diesem Zeitpunkt war sie einfach zu sehr von Party-Proleten bevölkert und auch die Aggressivität nahm zu. Dieses habe ich allerdings auch bei dem Generation-Move in Hamburg feststellen müssen.
Ich war aber gerne ein Teil dieser Loveparade-Familie und möchte die Zeit damals auch um nichts missen. Auch wenn man alleine anreiste, man fand immer ganz schnell Anschluss. Die Parade wurde zelebriert, dann ging es auf eine oder mehrere Partys und den Abschluss krönte meist eine Party in irgendeinem Park die bis in den Nachmittag ging, oft mit Sven Väth als DJ.
Die Loveparades, welche danach kamen habe ich dann nicht mehr mitgemacht, hatte aber überlegt, mal wieder zu einer hinzufahren. Doch dann kam das Unglück in Duisburg. Auch ich habe am Rande im Vorfeld mitbekommen, was da los sein würde. Eine Loveparade, die im Kreis auf einem eingezäunten Gelände stattfinden soll, fand ich eher seltsam. Das es dort aber nur einen Zugang durch einen Tunnel geben würde, war mir nicht so bewusst. Wenn ich das gewusst hätte, hätte auch ich aus meiner Loveparade-Erfahrung gesagt: „Das kann doch nicht funktionieren“. Aus meiner Sich hat völlige Inkompetenz bzw. die Gier nach Ruhm zu diesem Unglück geführt, bei dem 20 Tote und hunderte Verletzte zu beklagen sind. Was mich aber regelrecht wütend macht, sind die Beteuerungen der Veranstalter oder auch der Verantwortlichen in den Behörden inkl. Dem Bürgermeister von Duisburg. Plötzlich will keiner Schuld sein, der schwarze Peter wird von einem zum anderen geschoben usw. Sogar eigene Aussagen werden auf einmal angezweifelt. Nachmittags verkündete man noch stolz, dass 1,4 Menschen zur Loveparade gekommen wären. Nun ein paar Tage nach dem Unglück waren es plötzlich angeblich nur noch 200.000. In meinen Augen jedenfalls müssen hier einige Köpfe rollen, allen voran der vom Veranstalter. Allein die Kombination von einer Billig-Fitnesskette und als Veranstalter der Loveparade hat für mich persönlich einen ganz üblen Beigeschmack und hat aber auch so gar nicht mehr mit dem „Spirit“ der Anfänge der Loveparade zu tun.
Und dann meldet sich auch noch die unsägliche Eva Herman zu Wort und bezeichnet das Unglück als „Strafe Gottes“ für „Sodom & Gomorrha“. Hallo Frau Herman, geht es noch. Meinungsfreiheit ist ja schön und gut, aber Opfer zu verhöhnen bzw. als selbst Schuld an ihrem Tod zu bezeichnen ist schon ziemlich geschmacklos. Natürlich ist die Loveparade „eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie“. Sicher. Genauso wie der Kölner Karneval oder das Oktoberfest in München. Frau Herman, melden sie sich hier doch auch mal zu Wort. Ferner würde mich auch interessieren, wie sie die Massenpanik in Mekka im Jahr 2006, bei der über 300 Menschen zu Tode kamen, bezeichnet.? War da auch eine höhere Macht am Werk? Und für was wurde da die „Strafe“ angewendet?
Eine Idee aus einer kleinen Szene heraus ist zu etwas Großem geworden, viele Wegbereiter haben sich im Laufe der Jahre abgewendet und durch ein Unglück ist nun offenbar das Ende der Loveparade besiegelt. Wobei ich mir sicher bin, dass es in einigen Jahren sicher eine Neuauflage geben wird, denn verdienen kann man daran offenbar ja noch immer.
Mein Mitgefühl gilt vor allem den Angehörigen und Freunden der Opfer. Mögen die Verstorbenen in einer besseren Welt gemeinsam feiern.
„We Are One Family“
(Motto der Loveparade 1996)













